Aktionswoche zum Holocaust Gedenktag

Liebe Kommiliton*innen,

Gedenken und Aktionswoche – ist das nicht ein Wider-spruch? Im Titel der schon zum vierten Mal stattfindenden Reihe finden sich zwei Konzepte, deren Verhältnis zumin-dest nicht endgültig geklärt ist. In der bundesdeutschen Öffentlichkeit, für die die Konzepte Aufarbeitung und Erinnerungs- oder Gedenkkultur so zentral für das aufgeklärte Selbstverständnis sind, hat der Klang des Wortes Aktion zumindest etwas anrüchiges – der Vorwurf, Gedenken politisch zu instrumentalisieren, ist schnell gemacht, die semantische Nähe zur Antifaschistischen Aktion tut ihr Übriges.
Die befreiten Gefangenen von Buchenwald fordern uns dazu auf, diesen scheinbaren Widerspruch zu überwinden. Ihr Schwur auf der „Trauerfeier für die 51.000 Gemordeten“ am 19. April 1945 ist kein sentimentales Be-trauern, kein Nachruf auf die getöteten Mitgefangenen; er ist eine Kampfansage:

Die endgültige Zerschmetterung des Nazismus ist unsere Losung.
Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ideal.

Für die diesjährige Aktionswoche konnten wir erneut ein thematisch und methodisch vielfältiges Programm auf die Beine stellen, das sich auf keinen Fall mit einem Blick zurück begnügen wird und das wir auf den folgenden Seiten vorstellen.
Einen herzlichen Dank möchten wir dem Studierendenrat und dem Tübinger Forum für Wissenschaftskulturen (TFW) aussprechen, die die Aktionswoche durch die Finanzierung erst möglich machen.

Es kommt der Tag der Rache!*
Euer Arbeitskreis Politische Bildung

*hierbei handelt es sich um ein Zitat aus dem Schwur von Buchenwald

Programm:

19.01. Eröffnungsveranstaltung mit Empfang

Eröffnungsveranstaltung mit Empfang

17 Uhr | Kupferbau Hörsaal 25

Mit Reden von Rektorat, IREX, JSUW & AK politische Bildung

19.01.
Ingo Elbe: Antisemitismus und postkoloniale Theorie

Ingo Elbe: Antisemitismus und postkoloniale Theorie.

Der „progressive“ Angriff auf Israel, Judentum und Holocaust Erinnerung

19 Uhr | Hörsaal 21

Die im akademischen und kulturellen Bereich inzwischen einflussreichen Postcolonial Studies untersuchen, wie sich koloniale Spuren im Wissenssystem und in den sozialen Strukturen von Gesellschaften auch nach dem Ende der formalen Kolonialherrschaft zeigen.

Der Vortrag beschäftigt sich damit, wie das Prinzip der Kolonialität genutzt wird, um einen Schlüssel zu Judentum, Zionismus und Shoah zu beanspruchen und klärt über die theoretischen Verzerrungen auf, die dadurch entstehen: die begriffliche Auflösung des Antisemitismus in Rassismus, die Relativierung des Holocaust zum Kolonialverbrechen, die Dämonisierung Israels und die Ausblendung des islamischen und arabischen Antisemitismus.

Thematisiert werden auch die politischen Konsequenzen antisemitischer Diskurse in den postkolonialen Studien, die sich in Deutschland vor allem in der sogenannten Mbembe-Debatte, dem „Historikerstreit 2.0.“ sowie der documenta fifteen gezeigt haben.

Seit dem Massaker der Hamas vom 7. Oktober 2023 ist weltweit eine beispiellose Welle des ‚progressiven‘ Hasses auf Israel zu beobachten. Diese spiegelt sich auch an westlichen Universitäten wider, wo sowohl angesehene Intellektuelle, die das Massaker der Hamas als Befreiungsakt feiern, als auch Studierende, die offen zum Mord an Zionist*innen aufrufen, zu finden sind.

Der Vortrag geht der Frage nach, wie das möglich wurde.

Dr. Ingo Elbe ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und Privatdozent am Institut für Philosophie der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Letzte Publikationen u.a.: Probleme des Antirassismus. Postkoloniale Studien, Critical Whiteness und Intersektionalitätsforschung in der Kritik, Berlin 2022 (als Mitherausgeber) sowie Hannah Arendts Bild des Holocaust – mit einem Ausblick auf seine postkolonialen Erben. In: A. Stahl/M. Seul u.a. (Hg.): Erinnern als höchste Form des Vergessens. (Um-) Deutungen des Holocaust und der Historikerstreit 2.0, Berlin 2023. Postcolonialism, Antisemitism, and Israel: The ‘Progressive’ Attack on the Jewish State and Holocaust Memory. In: I. Ritzer (Hg.): On the Critique of Identity. Stuttgart 2024. „By Any Means Necessary” – Authoritarianism and the Potential for Violence in Anti-Zionist Postcolonial Discourse. In: Israel Journal of Foreign Affairs, July 2025. Aktuelles Buch: Antisemitismus und postkoloniale Theorie. Der „progressive“ Angriff auf Israel, Judentum und Holocausterinnerung. 3. Aufl. Berlin 2025. Online-Texte unter: https://uol.de/philosophie/pd-dr-ingo-elbe/publikationen

Der Vortrag findet in Kooperation mit dem Tübinger Bündnis für Israel – gegen Antisemitismus, sowie der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Stuttgart e.V. statt.

20.01.
Marc Seul: Einführung in die Kritik des Antisemitismus

18 Uhr | Kupferbau Hörsaal 24

Seit dem genozidalen Massaker der Hamas und anderer palästinensischer Gruppen in Israel am 7. Oktober 2023 und dem darauffolgenden Israel-Hamas-Krieg wird Antisemitismus immer unverhohlener geäußert. Jüdinnen:Juden sind auch in Deutschland wieder akut von Anfeindungen und Übergriffen bedroht. Antisemitische Feindbilder und Deutungsmuster sind weit verbreitet und bringen auf den ersten Blick kuriose politische Allianzen hervor: radikalen Rechten wie verschiedenen linken Strömungen, islamistischen Gruppen wie erheblichen Teilen der sogenannten ‚Mitte der Gesellschaft‘ dienen „die Juden“, „das Jüdische“ oder der jüdische Staat als Projektionsflächen.

Kaum erstaunlich daher, dass oftmals lieber über gleichsam per definitionem ungerechtfertigte „Antisemitismusvorwürfe“ als über den Antisemitismus als Bedrohung für Jüdinnen:Juden wie die offene Gesellschaft insgesamt gesprochen wird. Es gibt so viele „Antisemitismusexpert:innen“ wie Fußballnationaltrainer:innen in Deutschland und die öffentlichen Debatten finden dementsprechend zumeist ohne Basis in den Erkenntnissen der Antisemitismusforschung statt.

Der Vortrag stellt diese Erkenntnisse vor und führt in zentrale Dimensionen des modernen Antisemitismus ein: von der Schuldabwehr über israelbezogene Formen bis zu strukturellen und unbewussten Varianten. Er zeigt, dass Antisemitismus weder als „Rassismus gegen Juden“ noch als eine Ablehnung des Judentums als Religion verstanden werden muss, sondern als ein umfassendes Verschwörungsphantasma, dem sowohl mit Selbstreflektion als auch mit der kritischen Auseinandersetzung mit jenen gesellschaftlichen Verhältnisse, die Antisemitismus (re-)produzieren, begegnet werden muss.

Marc Seul ist Gründungsmitglied, wissenschaftlicher Mitarbeiter und Teil der kollegialen Leitung der Initiative Interdisziplinäre Antisemitismusforschung (IIA) an der Universität Trier sowie Postgraduate Fellow am London Centre for the Study of Contemporary Antisemitism. Als Mitherausgeber hat er mehrere Sammelbände zu gegenwärtigem Antisemitismus veröffentlicht, u.a. „Erinnern als höchste Form des Vergessens? (Um-)Deutungen des Holocaust und der ‚Historikerstreit 2.0‘“ (Verbrecher Verlag 2023) und zuletzt „Antisemitismus zwischen Latenz und Leidenschaft. Kommunikations- und Äußerungsformen des Judenhasses im Wandel“ (Barbara Budrich 2024). Sein Promotionsprojekt an der Universität Passau thematisiert den Umgang deutscher Parteien mit Antisemitismus.

21.01.
Halbbildung. Kritische Theorie der Pädagogik Buchvorstellung mit Henning Gutfleisch

18 Uhr | Kupferbau Hörsaal 23

»Halbbildung ist das Gegenteil von Bildung und die aller Aufklärung zum Trotz herrschende Form des gegenwärtigen Bewusstseins.« Diese Diagnose steht am Anfang des Bandes Halbbildung, der im März vergangenen Jahres im Verbrecher Verlag erschienen ist. Die versammelten Texte beschreiben nicht nur, was in Schule, Universität und politischer Bildung scheitert, sondern sezieren die ideologischen Mechanismen des Bildungsbetriebs wie der postnazistischen Kultur.

Der Herausgeber und Autor Henning Gutfleisch spricht zu den kulturellen und politischen Bedingungen einer Bildung nach Auschwitz. Dabei muss die Einsicht in ihr historisches Scheitern integraler Bestandteil von Bildung sein, um überhaupt noch zu sein.

22.01.
Timon Wißfeld: Kritik gegenwartsbezogenen Gedenkens

18 Uhr | Kupferbau Hörsaal 23

Die deutsche Erinnerungskultur gilt als zu erstarrt, zu vergangenheitsfixiert, zu einseitig, verengt und hierarchisch. Sie müsse dynamischer und diverser werden und vor allem: sich mit gegenwärtigen Problemlagen befassen. Der Vortrag arbeitet Prämissen und Folgen eines solch »offenen« Gedenkens heraus und stellt ihm mit Adornos Ästhetischer Theorie, ein »öffnendes« Gedenken entgegen, dessen »Vorrang des Vergangenen« zur Einsicht in die Notwendigkeit einer kritischen Gesellschaftstheorie des Antisemitismus drängt.

Timon Wißfeld ist Designtheoretiker und -philosoph mit Schwerpunkt kritische Gesellschaftstheorie. Er betreibt den Podcast »… womit wir alle nicht mehr fertig werden.« und arbeitet als Grafik- und Ausstellungsgestalter für NS-Gedenkstätten, Museen und gedenkpolitische Initiativen. Im Dezember 2025 erschien seine Studie “Kritisches Gedenken gestalten” bei Springer VS.

23.01.
Ioannis Dimopolus: Lektüreseminar Erziehung nach Auschwitz

17:30 Uhr | Klubhaus, großer Sitzungssaal / Online (bbb.vs-tuebingen.de)

Bis heute stellt sich nicht nur die Frage des Gedenkens an Auschwitz, sondern ebenfalls die nach der Möglichkeit des Denkens nach der Katastrophe selbst. Einer der zentralsten Denker eines solchen Nach ist bis heute Theodor W. Adorno. In seinem zum Klassiker avancierten Text „Erziehung nach Auschwitz“ stellt er dabei aber nicht nur die Frage der Nachträglichkeit in den Fokus. Vielmehr fragt Adorno nach gesellschaftlichen, psychoanalytischen und pädagogischen Folgen für das Denken selbst. Erziehung meint dabei nicht nur diejenige einer kommenden Generation, sondern die Erziehung aller Menschen zur Mündigkeit, in der die Möglichkeit der Wiederholung der Shoah beseitigt wäre. Gemeinsam wollen wir uns in diesem Lektüreseminar mit der Frage beschäftigen wie ein solches Denken selbst zu denken ist und dabei zentrale Fragestellungen des Textes im Close Reading diskutieren. Für die Teilnahme sind keine Vorkenntnisse jenseits der aufmerksamen Lektüre des Textes notwendig.

Ioannis Dimopulos ist Doktorand am German Department der Brown University. Dort arbeitet er vor allem zur Philosophie der Frankfurter Schule und zur Literaturtheorie seit Kant. Zuvor studierte er Germanistik, Literaturwissenschaft, Philosophie und Latein. Er publiziert in diversen Medien u.a. ND, Freitag, Welt sowie wissenschaftlichen Zeitschriften.

24.01.
Christine Kirchhoff: Neues von einem alten Konzept – Sozialpsychologie des äutoritären Charakters

19 Uhr | Epplehaus, Karlstraße 13

Die in den „Studien zum autoritären Charakter“ (Adorno et.al. 1950) vorgelegte Analyse faschistischer Dispositionen ist noch immer aktuell, nicht zuletzt da die Autor:innen die auch heute beliebte Auffassung kritisieren, dass autoritäre Einstellungen und rechte Weltbilder als direktes Resultat sozialer Missstände zu verstehen seien. 

In Auseinandersetzung mit den „Studien zum autoritären Charakter“ wird diskutiert, welche Elemente zu einer Sozialpsychologie der autoritären Disposition gehören und wie es dazu kommt, dass latenter Autoritarismus zu einer (Massen-)Bewegung wird.

Prof. Dr. phil. Christine Kirchhoff, Professorin für Psychoanalyse, Subjekt- und Kulturtheorie an der Internationalen Psychoanalytischen Universität (IPU), Psychoanalytikerin in eigener Praxis (DPV/IPA).

25.01.
Zoe Brose: Zwischen Klischee und Realität – Workshop zu Antiziganismus

14 Uhr | Klubhaus, großer Sitzungssaal

Was ist Antiziganismus? Woher kommt er – und warum betrifft er uns alle?

In diesem Workshop setzen wir uns mit Antiziganismus, also der Feindlichkeit gegenüber Sinti und Roma, auseinander. Wir schauen gemeinsam auf Geschichte, aktuelle Formen von Diskriminierung und auf persönliche Perspektiven.

Der Workshop beginnt mit einer Präsentation, in der Hintergründe, Begriffe und Beispiele erklärt werden – auch mit persönlichen Einblicken und historischen Zusammenhängen. Danach geht es interaktiv weiter: in Kleingruppen und Übungen beschäftigen wir uns mit Vorurteilen, Sprache, Medienbildern und Handlungsmöglichkeiten im Alltag.

Ziele des Workshops: Verstehen, was Antiziganismus bedeutet und wie er entsteht; Einblicke in die Geschichte und Gegenwart von Sinti und Roma; Eigene Bilder und Denkweisen hinterfragen; Strategien entwickeln, wie in Alltag, Schule, Beruf, Gesellschaft dagegen Haltung gezeigt werden kann.

26.01.
Nikolas Lelle: Von „Made in Germany“ zu „Arbeit macht frei“ – Das antisemitische Erbe „deutscher Arbeit“

18 Uhr | Kupferbau Hörsaal 24

„Deutsche Wertarbeit“

„Deutscher Fleiß“

„Made in Germany“

Dies sind nur drei Beispiele für Slogans oder Begriffe, die immer wieder in politischen und gesellschaftlichen Debatten um das Begriffsfeld Löhne – Arbeitsplätze – Wirtschaftsstandort in der Bundesrepublik aufgerufen werden. Eine besonders innige Beziehung der Deutschen zur Arbeit soll damit ausgedrückt werden, wobei sich weitere Bedeutungen und vor allem Wertungen in diese Debatten einschleichen.

Besonders seit dem Deutschen Kaiserreich – aber bereits zuvor – lassen sich die ideologischen Wurzeln dieser Vorstellungs- und Wertkonstrukte finden. Was im Nationsbildungsprozess ausschließende bis menschenfeindliche Ideologie ermöglichte, wurde im Nationalsozialismus Antrieb dazu, eine „reine, deutsche Volksgemeinschaft“ herzustellen. Mit Begriffen wie der „Deutschen Arbeit“ oder Slogans wie „Arbeit macht frei“ formulierten Nationalsozialisten nicht nur markige Leitbilder oder zynische Sprüche, sondern strukturierten so auch ihre Programme der Aussonderung und Vernichtung. Nicht nur, aber zuallererst, waren diese Programme gegen jüdischen Menschen gerichtet und führten zur Shoa.

Nikolas Lelle wird in seinem Vortrag seine langjährigen Forschungsergebnisse zur Geschichte der Vorstellung von „Deutscher Arbeit“ skizzieren und ihre Wirkung bis heute offenlegen. Die Auseinandersetzung mit dem ideologischen Erbe dieser Arbeitsauffassung ist nach Lelle notwendig, um auch heute „der globalen Formierung der Rechten wie der Krise der Arbeit etwas entgegenzusetzen“.

Nikolas Lelle promovierte in Berlin mit einer sozialphilosophischen Arbeit, die 2022 unter dem Titel „Arbeit, Dienst und Führung. Der Nationalsozialismus und sein Erbe.“ erschienen ist. 2024 erschien sein neuestes Buch „»Arbeit macht frei«. Annäherung an eine NS-Devise“. Lelle arbeitet bei der Amadeu Antonio Stiftung als Projektleiter der Bildungs- und Aktionswochen gegen Antisemitismus.

27.01.
Kay Ahasvi: Tübingen zur Zeit des Nationalsozialismus (Workshop)

18 Uhr | Klubhaus, großer Sitzungssaal

Schon früh konnte nationalsozialistische Ideologie in Stadt und Universität Fuß fassen. Warum war das so? Wie verhielten sich die Tübinger:innen zum NS? Diejenigen, die Teil der „Volksgemeinschaft“ waren? Welche Möglichkeiten des Widerstands gab es und wurden diese genutzt? Schließlich: Wurde nach dem Ende der Naziherrschaft diese aufgearbeitet und inwiefern gab es einen demokratischen Neuanfang in Tübingen? Vortrag mit Workshop-Elementen

29.01.
Merle Stöver: Kontinuitäten tödlicher Gewalt gegen wohnungslose Menschen

18 Uhr | Kupferbau Hörsaal 23

Erst 2020 erkannte der deutsche Staat diejenigen Menschen als Opfer des Nationalsozialismus an, die als vermeintlich „asozial“ und „kriminell“ verfolgt worden waren. Die Geschichte dieser Menschen zeichnete sich in den 75 Jahren seit der deutschen Kapitulation vor allem durch Verleugnung, Ignoranz und Marginalisierung aus. Weder erhielten sie Entschädigungen und Unterstützung noch fand eine Auseinandersetzung mit der Verfolgung und deren Hintergründen statt.

Der Vortrag wirft einen Blick auf die langen Kontinuitäten sozialdarwinistischer Verfolgung und Gewalt und zeichnet deren ideologisches Fortleben bis heute nach. In den Mittelpunkt stellt er die Gewalt gegen wohnungslose Menschen. Denn auch dieser begegnet die deutsche Gesellschaft bis heute mit altbekannten Mustern: Verleugnung, Ignoranz und Marginalisierung.

31.01.
GE(H)-DENKEN – Erinnerung an die exekutierten Zwangsarbeiter aus Osteuropa auf dem Gräberfeld X

14 Uhr | Alte Anatomie

Mit einem Gang von der Alten Anatomie zum Gräberfeld X erinnern wir an die 45 osteuropäischen Zwangsarbeiter, die an unterschiedlichsten Stellen im Land von der Gestapo exekutiert wurden. Ihre Leichen dienten anschließend in der Anatomie für die medizinische Forschung und Lehre, bevor sie schließlich auf dem Gräberfeld X in einem Massengrab verscharrt wurden. Der Gang endet mit der öffentlichen Lesung der Namen auf dem Gräberfeld X.

31.01.
Paul Schuberth & Elisa Lapan: Musikalische Gewalt in nationalsozialistischen Konzentrationslagern

19 Uhr | Pfleghofsaal

Dieser Vortrag (mit Musik) widmet sich einer nach wie vor wenig beleuchteten Facette der NS-Geschichte. Zwar ist vielen die Funktion des Kulturlebens im Lager Theresienstadt oder die Geschichte des Liedes „Die Moorsoldaten“ bekannt. Anders verhält es sich jedoch mit solchen Aspekten dieses Themas, die nicht unmittelbar mit beeindruckenden künstlerischen Leistungen oder Widerstand seitens der Häftlinge in Zusammenhang stehen. Diese Kehrseite ist angesprochen, wenn von „musikalischer Gewalt“ (ein Begriff der Historikerin Juliane Brauer) oder „musikalischem Sadismus“ (Alexander Kulisiewicz, „Lagersänger“ und Historiker) die Rede ist. Diese Begriffe sind keine effektvolle Übertreibung: In den Händen der „kreativen“ SS-Mannschaften geriet Musik zum Folterinstrument.

Sei es in Form des gefürchteten Zwangssingens, der Beschallung des Lagergeländes mit „nationalen Flötentönen“ oder der musikalischen Untermalung von Exekutionen. Wie Musik als Mittel des Terrors herhalten musste; wie sie in den Prozess der Vernichtung durch Arbeit eingespannt wurde, ja ihn sogar reibungsloser funktionieren ließ; darüber will dieser Vortrag Auskunft geben.

Ausgehend vom scheinbar paradoxen Satz „In Auschwitz betrieben die Machthaber in gewisser Hinsicht eine Kulturförderung“ (Gabriele Knapp) schließt der Vortrag mit Überlegungen darüber, inwieweit gängige Vorstellungen von Kunst und Kultur angesichts des „musikalischen Sadismus“ an mögliche Grenzen stoßen. Zudem wird beleuchtet, inwiefern rechtsextreme Kräfte die Fakten zu Musik im Lager für ihren Revisionismus gebrauchen. Zu einem Vortrag solchen Inhalts Musik zu spielen, ist eine Gratwanderung. Sie darf nicht als Balsam für die Seele nach den furchtbaren historischen Tatsachen gebraucht werden. So spielen Elisa Lapan und Paul Schuberth, manchmal als Kontrast, manchmal aber zur Verdeutlichung, Stücke von u.a. Józef Koffler, Jean Wiener, Hanns Eisler, Paul Abraham …

Programm vergangener Aktionswochen: