Marc Seul – Einführung in die Antisemitismuskritik
https://portal.fzs.de/project/ak-politische-bildung/event/marc-seul-einfuehrung-in-die-antisemitismus/
Seit dem genozidalen Massaker der Hamas und anderer palästinensischer Gruppen in Israel am 7. Oktober 2023 und dem darauffolgenden Israel-Hamas-Krieg wird Antisemitismus immer unverhohlener geäußert. Jüdinnen:Juden sind auch in Deutschland wieder akut von Anfeindungen und Übergriffen bedroht. Antisemitische Feindbilder und Deutungsmuster sind weit verbreitet und bringen auf den ersten Blick kuriose politische Allianzen hervor: radikalen Rechten wie verschiedenen linken Strömungen, islamistischen Gruppen wie erheblichen Teilen der sogenannten ‚Mitte der Gesellschaft‘ dienen „die Juden“, „das Jüdische“ oder der jüdische Staat als Projektionsflächen.
Kaum erstaunlich daher, dass oftmals lieber über gleichsam per definitionem ungerechtfertigte „Antisemitismusvorwürfe“ als über den Antisemitismus als Bedrohung für Jüdinnen:Juden wie die offene Gesellschaft insgesamt gesprochen wird. Es gibt so viele „Antisemitismusexpert:innen“ wie Fußballnationaltrainer:innen in Deutschland und die öffentlichen Debatten finden dementsprechend zumeist ohne Basis in den Erkenntnissen der Antisemitismusforschung statt.
Der Vortrag stellt diese Erkenntnisse vor und führt in zentrale Dimensionen des modernen Antisemitismus ein: von der Schuldabwehr über israelbezogene Formen bis zu strukturellen und unbewussten Varianten. Er zeigt, dass Antisemitismus weder als „Rassismus gegen Juden“ noch als eine Ablehnung des Judentums als Religion verstanden werden muss, sondern als ein umfassendes Verschwörungsphantasma, dem sowohl mit Selbstreflektion als auch mit der kritischen Auseinandersetzung mit jenen gesellschaftlichen Verhältnisse, die Antisemitismus (re-)produzieren, begegnet werden muss.
Marc Seul ist Gründungsmitglied, wissenschaftlicher Mitarbeiter und Teil der kollegialen Leitung der Initiative Interdisziplinäre Antisemitismusforschung (IIA) an der Universität Trier sowie Postgraduate Fellow am London Centre for the Study of Contemporary Antisemitism. Als Mitherausgeber hat er mehrere Sammelbände zu gegenwärtigem Antisemitismus veröffentlicht, u.a. „Erinnern als höchste Form des Vergessens? (Um-)Deutungen des Holocaust und der ‚Historikerstreit 2.0‘“ (Verbrecher Verlag 2023) und zuletzt „Antisemitismus zwischen Latenz und Leidenschaft. Kommunikations- und Äußerungsformen des Judenhasses im Wandel“ (Barbara Budrich 2024). Sein Promotionsprojekt an der Universität Passau thematisiert den Umgang deutscher Parteien mit Antisemitismus.
