Kategorie: AK Politische Bildung

  • Aktionswoche zum Holocaust Gedenktag 2026

    Vom 19.01. bis 31.01. findet wieder unsere Aktionswoche zum Holocaust Gedenktag statt. Das dieses Jahr wieder recht vielfälte Programm findet ihr hier:

    Holocaust-Gedenkwoche

  • Normal – Eine Besichtigung des Wahns

    18. Oktober @ 18:00 – 22:00

    Ein Foto mit Thomas Ebermann und Thorsten Mense.

    Thomas Ebermann & Thorsten Mense & Flo Thamer
    NORMAL – Eine Besichtigung des Wahns
    Ein Abend gegen Irrationalismus und instrumentelle Vernunft

    Clubhaus, Großer Saal, Wilhelmstraße 30
    Einlass: 18 Uhr Beginn: 19 Uhr

    Plakat Normal Eine Besichtigung des Wahns

    Pandemie, Klimawandel, Kriege, die Steuererklärung, der Verkehrsstau – Krisen über Krisen, und kein Ende in Sicht.

    Die einen fliehen in den Verschwörungsglauben oder gleich vollends in den Faschismus. Sie sind die Endzeit-Krieger in Tierkostümen, folgen QAnon bis ins Capitol. Sie sind die Aluhut-Trägerinnen, die gegen Chemtrails und Impfzwang demonstrieren. Es sind die Incels, die Reichsbürger, die Kämpfer gegen den »Great Reset« und den »Großen Austausch«.

    Die anderen halten am gesunden Menschenverstand fest. Sie verteidigen den Experten gegen den Scharlatan, die Vernunft gegen den Wahn. Sie sind fleißig, halten Nationen und Eigentumsordnung für so natürlich, wie dass der Starke den Schwachen besiegen muss. Sie wissen, dass Kollateralschäden nicht schön, aber unvermeidbar sind: Die Hungernden, die Obdachlosen, die Erfrierenden in jedem Winter, die Ertrunkenen im Mittelmeer. An Horoskope glauben sie nur, wenn die ihnen raten zu tun, was die Gesellschaft von den Menschen ohnehin verlangt. Ihre Vernunft ist eine instrumentelle, Vernunft im Dienste der Unvernunft. Es geht nur um das Wie, nicht um das Wofür. Effektivität ersetzt jeden Gedanken an eine menschenfreundliche Einrichtung der Welt. Erlaubt ist selbst im Denken nur, was nützlich ist. Lebenswert ist nur, wer produktiv ist. Normal ist, wer gesund ist und arbeiten kann.

    Der Weg von Selbstoptimierung zu Eugenik ist kürzer als das Laufband im Fitnessstudio: instrumentell-vernünftig und mörderisch-wahnhaft zugleich. Und alle feiern den normalen Menschen, den schlichten, hart arbeitenden, der von Intellektuellen, Lifestyle-Linken und Eliten verraten wurde – was bloß dem zynischen Zweck dient, die gesellschaftliche Stellung der Subalternen zu verewigen. Überhaupt ist die Normalität, die in jeder Krise als rasch Wiederherzustellende versprochen wird, eine trostlose Hoffnung. Denn der Normalzustand, »dass es so weitergeht«, ist die eigentliche Katastrophe.

    Auf Bühne und Leinwand besichtigen wir den ganz normalen Wahn und den Wahn der Normalität, das Pathogene im Normalen, und das Irrationale, das aus diesem erwächst. Es wird so witzig, wie Adornos Stahlbäder lustig sind.

    Weitere Informationen: https://www.vernunftwahn.de

  • Aktionswoche zum Holocaust-Gedenktag

    Die Aktionswoche zum Holocaust Gedenktag findet das 3. Jahr von der Verfassten Studierendenschaft organisiert statt. Ziel ist einerseits das Erinnern, aber auch andererseits, einen Bezug zur heutigen Zeit herzustellen.

    Hier könnt ihr euch über alle Veranstaltungen informieren.

  • Kundgebung zur Hochschulfinanzierung

    Eines der wichtigsten und aktuellsten Themen für die Uni und uns als Studis ist die Hochschulfinanzierung.

    Momentan laufen Verhandlungen zwischen der Landesrektoratekonferenz (LRK) und dem baden-württembergischen Wissenschaftsministerium (MWK) über die neue Hochschulfinanzierungsvereinbarung III (HoFV III), die ab dem 01.01.2026 gelten soll.

    Bisher war die Hochschulfinanzierung des Landes von Sparmaßnahmen innerhalb einer Legislaturperiode ausgenommen. Diese Garantie soll es zukünftig nicht mehr geben, während die Universitäten aber gleichzeitig massive Kostensteigerungen für Personal, Heizen, Strom und Unterbringung hinnehmen müssen.

    Tatsächlich hätte das bisherige Angebot des MWK gravierende Auswirkungen auf die Qualität von Forschung und Lehre. Es würde zwangsweise zu Streichungen und verzögerten Wiederbesetzungen von Stellen kommen, denn Gebäude und Infrastruktur können nicht einfach stillgelegt werden.

    Genauer: Die Finanzmittel für die Hochschulen sollen ab 2026 nur noch um 0,4 steigen. Um die letzte Inflation auszugleichen benötigt es allerdings eine Steigerung von 6 % – das wird in der neuen Hochschulfinanzierungsvereinbarung nicht berücksichtigt.

    Universitäten stehen als Institutionen für Wissenschaft, Ausbildung von Fachkräften, Internationalität, Demokratie und sozialen Frieden oder auch für Zukunftstechnologien etwa zum Erreichen der Klimaneutralität, weshalb gerade hier nicht am Geld gespart werden darf.
    Vielmehr benötigen die Universitäten eine solide nachhaltige Finanzierung, die ihnen Planungssicherheit gibt und ihre Fähigkeit zur Transformation erhält. Dafür kämpfen wir als Studierende und Universität(en)!

    Unsere Aktionen:

    Mittwoch, 13.11.2024, 13:00 Uhr: Kundgebung von Studierenden auf dem Geschwister-Scholl-Patz vor der Neuen Aula in Tübingen, um die Landesregierung nochmals mit Nachdruck darauf hinzuweisen, dass Investitionen in die Wissenschaft Investitionen in die Zukunft sind.

    Freitag 15.11.2024, 12 Uhr: Zentrale Kundgebung und Demo in Stuttgart (Ort: Stadtgarten) Studierende & Beschäftigte von allen Hochschulen im Land reisen an, um ihren Forderungen nach einer soliden und zukunftsfähigen Hochschulfinanzierung Nachdruck zu verleihen, wenn der Finanzausschuss tagt.
    Die Tübinger Studis treffen sich hierfür um 10 Uhr ct. am Bahnhof Tübingen, um gemeinsam mit der Bahn anzureisen.

  • Aktionswoche zum Holocaustgedenktag 2023

    Am 23.1 um 18 Uhr (Online): Zerrbilder und Widerständigkeit: Plurales Judentum zwischen Antisemitismus und Gedächtnistheater – Ein Gespräch mit Monty Ott

    Monty Ott ist Politik- und Religionswissenschaftler, forscht zu queer-jüdischer Theologie. Regelmäßig kommentiert er das politische Tagesgeschehen und bezieht Position zu Antisemitismus, Erinnerungskultur, Intersektionalität und Queerness. Seit über einem Jahrzehnt engagiert er sich in der antisemitismuskritischen Bildungsarbeit. Von 2018 bis 2021 war er Gründungsvorsitzender von Keshet Deutschland e. V.

    Am 24.1 um 18 Uhr im Hörsaal 23 (Kupferbau): Franziska Haug: No Pride in Israeli Apartheit? Zur Funktion des Antisemitismus in queerfeministischen Diskursen

    Seit über 20 Jahren lässt sich innerhalb der Wissenschaft, insbesondere in den USA und Europa, ein Trend des israelbezogenen Antisemitismus beobachten: Das betrifft in besonderem Maß Gender-und Queerstudies, sowie postkoloniale und intersektionale Theorien. Ressentiments gegen Israel, Relativierungen der Shoa, genauso wie tradierte antisemitische Denkmuster haben in einigen Theorien renommierter Genderstudies-Professor_innen (bspw. Lana Sirri, Jasbir Puar) ein neues Zuhause gefunden. 

    Warum bildet sich ausgerechnet in einem nach eigenem Verständnis progressiven Forschungsbereich ein derartiger israelbezogener Antisemitismus als neue Form der politischen und akademischen Kollektivierung heraus?

    Am 26.01 (18:00) spricht im Hörsaal 23 (Kupferbau) Pavel Hoffmann als Überlebender des KZ Theresienstadt.

    Am 27.01 findet wird um 16 Uhr auf dem Jüdischen Friedhof Wankheim das offizielle Gedenken stattfinden. Um 19 Uhr geben Ioannis Dimopolus und Malte Andresen ein Lektüreseminar zu Adornos berühmten Aufsatz: „Erziehung nach Auschwitz“. Hier wird um Anmeldung unter gebeten.

    Am 31.01 (18:00) kommt Merle Stöver. Der Titel ihres Vortrages: Der Antiziganismus der sauberen Deutschen. In diesem Vortrag wird die, im Gedenken oft abwesende, Geschichte und Kontinuität des Antiziganismus aufgezeigt werden. Der Vortrag findet ebenfalls im Hörsaal 23 des Kupferbaus statt.

  • Kundgebung in Solidarität mit den Protesten im Iran

    Am 29.10. um 16 Uhr lädt ein Bündnis verschiedener zivilgesellschaftlicher Jugendorganisationen, an dem auch unser Arbeitskreis Politische Bildung beteiligt ist, zu einer Kundgebung zu den aktuellen Geschehnissen im Iran am Holzmarkt ein. 
    Die Misshandlung und Ermordung von Jina (Mahsa) Amini aufgrund eines, nach der Auffassung der Sittenpolizeit, falsch sitzenden Kopftuches war der bekannte Anlass für die Proteste dort. Diese dauern noch immer an. 
    Mit der Kundgebung wollen wir nicht nur ein Zeichen für Frauenrechte und die von Frauen geführten Protesten setzen, sondern uns auch gegen die Unterdrückung der Mullah-Diktatur im Iran aussprechen. 
    Wir erklären uns solidarisch mit der Freiheit, der Gleichberechtigung und der Gerechtigkeit für alle Menschen im Iran. 

    Rally in solidarity with the protests in Iran!

    On the 29th of October at 4pm, an alliance of different civil society organizations and youth parties, in which also our working group political education (Arbeitskreis Politische Bildung) is involved, invites you to a rally on the current events in Iran at Holzmarkt.
    The brutality against and murder of Jina (Mahsa) Amini by the morality police because of, according to the Regime, a not properly worn hijab, was the well-known reason for the protests there. This brutal murder sparked the still ongoing protests.. And it is important to note that these protests are not only about womens rights, even though the women are leading them. They are about freedom from the oppression of the Mullah Dictatorship. About liberty, equal rights and justice for all. That is what we declare solidarity with. 

  • Stellungnahme: Für die Streichung des Namensteils „Eberhard Karls“ aus der Universität Tübingen

    Diese Stellungnahme wurde vom Arbeitskreis Politische Bildung des Studierendenrates Tübingen verfasst und am 13. Juli 2022 veröffentlicht. Interessent*innen können weiter unten unterschreiben. Weiterhin findet sich außerdem hier unser FAQ zur Umbenennnung und hier der von studentischen Senator*innen im Senat gestellte Antrag.

    Die Unterzeichner*innen sprechen sich für eine Streichung von „Eberhard Karls“ aus der Namensführung der Universität Tübingen aus und damit für die Umbenennung in „Universität Tübingen“.

    Schon seit den 1970er-Jahren wurde immer wieder Kritik an dem historischen Namen der Eberhard Karls Universität Tübingen geäußert. Seit Mitte letzten Jahres befasst sich der Senat der Universität näher mit der Thematik und gab in diesem Zuge ein Gutachten zur historischen Dimension des Namens und der Namensführung in Auftrag, das inzwischen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. Der Senat führt nun in mehreren Sitzungen eine Debatte zum Namen der Universität und wird voraussichtlich noch im Sommersemester 2022 darüber entscheiden, inwiefern „Eberhard Karls“ als Teil des Namens der Universität abgelegt oder weitergeführt werden soll. Die Unterzeichner*innen sehen viele gute Gründe, bei dieser Entscheidung für die Umbenennung zu stimmen, die im Folgenden dargelegt werden:

    Ehrungen wie die Benennung von Institutionen nach wichtigen Persönlichkeiten sind einerseits Würdigung ihrer individuellen Leistungen, andererseits sollen mit der Ehrung aber auch Vorbilder geschaffen werden, die zum Nachahmen anregen. Damit beziehen sie sich einerseits auf vergangene Leistungen, haben aber gleichzeitig auch einen starken Zukunftsbezug, da andere Personen durch die Ehrung aufgefordert werden, es den Geehrten gleichzutun. Ehrungen versuchen, bestimmte Normen zu fördern sowie Sinn zu stiften und sind ein Ort, an dem Gesellschaftsordnungen verhandelt werden. Ehrungen sind daher keine eigenmächtige Kraft, sondern ein aktiv vorgebrachter Identitätsentwurf. Es ist wichtig und natürlich, dass innerhalb von pluralen und offenen Gesellschaften Konflikte um bereits bestehende Ehrungen geführt und diese neu verhandelt werden.

    Dabei ist zu beachten, dass die Benennung der Universität Tübingen nicht schon immer als Ehrung verstanden wurde. Mit der Zeit hat sich das aber geändert: Namen werden heute als Ehrungen gelesen. Daher muss die Debatte auch aus einer modernen Perspektive geführt werden.

    Um zu beurteilen, inwiefern eine Ehrung auch heute noch einen tragfähigen Identitätsentwurf für ein Kollektiv darstellt, muss selbstverständlich auch die historische Dimension der geehrten Personen betrachtet werden. Einen ersten Ansatz dafür bietet das Gutachten der Kommission.

    Das vorgelegte Gutachten untersucht die beiden Namensgeber der Universität auf die vorgebrachten Vorwürfe des Antijudaismus sowie des tyrannischen Absolutismus und stellt ihrem Handeln in dieser Hinsicht dabei ihre Leistungen und Verdienste um die Universität Tübingen entgegen. Diese Verdienste allerdings wiegen die unserer Ansicht nach gerechtfertigte Kritik nicht auf und rechtfertigen keine Beibehaltung der Namensgeber im 21. Jahrhundert. 

    Am eklatantesten zeigt sich dies an der Person Herzog Eberhards I. im Bart. Seine persönliche Einstellung gegenüber jüdischen Menschen bleibt unklar und lässt sich anhand der Quellenlage auch nur indizienhaft rekonstruieren. Sein als Monarch stets politisches jüd*innenfeindliches Handeln spricht jedoch eine eindeutige Sprache. Dass er damit ein ausgesprochen durchschnittlicher Vertreter seiner Epoche gewesen und auch nicht durch im zeitgenössischen Vergleich übermäßiges jüd*innenfeindliches Handeln aufgefallen sei, relativiert dieses Handeln in keiner Weise, sondern verdeutlich umso mehr, dass er als Repräsentant eines veralteten, menschenfeindlichen Zeitgeists im 21. Jahrhundert nicht mehr zum Namensgeber einer Institution taugt, die den Anspruch hat, eine gesellschaftliche Vorreiterrolle einzunehmen. 

    In der Würdigung von Eberhards Lebenswerk darf ihm nicht bei der Universitätsgründung ein hohes Maß an Eigenleistung zugestanden werden, wenn zugleich seine antijüdische Politik auf Einflüsse aus seinem Beraterumfeld reduziert wird. Als Herrscher und Politiker müssen wir ihn in seiner Gesamtheit ernst nehmen und dazu gehört, anzuerkennen, dass er Verantwortung für die Ausweisung der Jüd*innen aus Tübingen und Württemberg trägt. 

    Das Gutachten der Historiker*innenkommission stellt fest, dass „die testamentarische Bestimmung Graf Eberhards eine weitreichende Bedeutung für die von heftiger Judenfeindschaft geprägte Politik Württembergs seit dem ausgehenden 15. Jahrhundert“ hatte. Die Geschichte Eberhards und seines Wirkens endet nicht mit 1496, sondern geht weit darüber hinaus. Gerade in Tübingen lässt sich eine traditionell außerordentliche Jüd*innenfeindlichkeit bis weit ins 20. Jahrhundert feststellen. Erst Leopold Hirsch gelang es 1850, also fast 400 Jahre nach der Universitätsgründung, als erster Jude wieder in Tübingen wohnen zu dürfen. Professor Ernst Lehmann verkündete 1935 stolz, jüdische Professoren habe man in Tübingen „stets von sich fern zu halten gewusst.“ Für den größten Teil ihrer Geschichte war die Universität Tübingen ein jüd*innenfeindlicher Ort. Für viele jüdische Universitätsangehörige ist es vor diesem Hintergrund heute nur schwer erträglich, an einer Institution zu arbeiten bzw. zu studieren, deren Gründung untrennbar mit jüd*innenfeindlicher Politik verknüpft ist.

    Nebst der geradezu überwältigenden Debatte um Eberhard scheint Herzog Karl Eugen nahezu unterzugehen. Ist sein Verdienst um die Universität ungleich geringer als ihre Gründung, so scheint das ihm zur Last Gelegte ebenfalls weniger gravierend. Der Hauptvorwurf, dessen gerechtfertigter Ausräumung das Gutachten auch einigen Platz zugesteht, war eher der bisher angenommene Schaden der Universität durch die Gründung der Hohen Karlsschule als sein sonstiges politisches Handeln. 

    Bisher nicht im Fokus des Diskurses steht dagegen sein Menschenhandel. Durch Subsidienverträge unterstützten viele absolutistische Herrscher des 18. Jahrhunderts beispielsweise Verbündete mit Soldaten, die für eine gewisse Zeit zur Verfügung gestellt wurden. Neu bei Karl Eugens Soldatenhandel, der historisch am Ende dieser Praxis steht, war, dass er nicht von Landesinteressen getrieben war, sondern allein von finanziellen. Mit dem „Kapregiment“ verkaufte er ab 1781 3200 Soldaten an die niederländische Ostindienkompanie, die mit ihnen koloniale Unternehmungen umsetzte. Nur 100-200 der vorwiegend armen Soldaten kehrten nach Württemberg zurück, insgesamt starben 72%. Kritisiert wurde diese Praxis zeitgenössisch u. a. von Friedrich Schiller und Christian Friedrich Schubart, der dafür sowie für Schmähkritik an Karl Eugen und dessen Mätresse Franziska von Hohenheim 10 Jahre in Festungshaft einer Umerziehung unterzogen wurde. Erst durch preußische Einmischung und nach etlichen Protesten deutscher Intellektueller kam er wieder frei.

    Karl Eugen repräsentiert einen auf die Spitze getriebenen Absolutismus, der die Staatskasse mit dem Verkauf von Menschen aufbesserte und Kritiker*innen einsperren ließ. Diese Werte stehen der Universität als Ort gesellschaftlichen Fortschritts und des freien Meinungsaustauschs entgegen. 

    Die Sorge, eine kritische Erinnerungskultur an unserer Universität könne nur unter dem bisherigen Namen stattfinden und er daher zu erhalten sei, halten die Unterzeichner*innen für nicht plausibel. Dass eine breit organisierte Auseinandersetzung in der universitären Gemeinschaft bisher ausblieb, zeigt, dass der Name allein nicht reicht, um sie anzustoßen. Vielmehr wurde und wird die Geschichte der Universität inklusive der Namensgenese äußerst stiefmütterlich behandelt – ein Zeichen dafür ist, dass bis heute den meisten Universitätsangehörigen nicht klar ist, nach welchen beiden Personen die Universität benannt ist, geschweige denn aus welchen Gründen. Und das keineswegs selbst verschuldet: Wer sich für die Geschichte der Universität ernsthaft interessiert, muss sehr lange aktiv nach Informationen suchen – die Universität zeigt bisher kein großes Interesse an Aufklärung. Erst jetzt, im angestoßenen Prozess, wird endlich in einer breiteren Öffentlichkeit über das Thema gesprochen. Die Unterzeichner*innen wünschen sich eine offene Universität, die aktiv und engagiert über Erinnerungskultur diskutiert – und diese Offenheit auch im Namen trägt. 

    Eine Universität im 21. Jahrhundert sollte sich nicht davon abhängig machen, was Monarchen vor Jahrhunderten für sie entschieden haben. Es ist die Aufgabe einer demokratischen Universitätsgemeinschaft, kritisch über existierende Ehrungen zu reflektieren und sie zu würdigen, aber auch in ihrem Sinne anzupassen. Mit einer Streichung von Eberhard und Karl hin zu der „Universität Tübingen“ kann unsere Universität im Jahr 2022 signalisieren, dass sie diesen demokratischen Auftrag ernst nimmt.


    Stellungnahme unterzeichnen

    Die Sammlung der Unterschriften ist beendet.

    Erstunterzeichner*innen

    Prof. Dr. Reinhold Boschki,  Berufsorientierte Religionspädagogik

    Prof. Dr. Peter Kremsner, Institut für Tropenmedizin, Reisemedizin, Humanparasitologie

    Prof. Dr. Hannah Markwig, Senatorin, Lehrstuhl für Kombinatorische algebraische Geometrie

    Prof. Dr. Heike Oberlin, MitgliedUniversitätsrat, Indologie

    Dr. Natalie Glynn, Comparative Public Policy

    Alexandra Dick, De/Sakralisierung von Texten, Textverständnis und Krieg

    Maximilian Kiefer, Internationale Beziehungen/ Friedens- und Konfliktforschung

    Maike Messerschmidt, Internationale Beziehungen/ Friedens- und Konfliktforschung

    Katharina Zimmermann, Mittlere und Neuere Kirchengeschichte

    Jacob Bühler, Mitglied Universitätsrat, Exekutive der Verfassten Studierendenschaft

    Johanna Grün, Exekutive der Verfassten Studierendenschaft und Senatorin

    Moritz Rothhaar, Exekutive der Verfassten Studierendenschaft

    Linda Amazu, Senatorin

    Anna-Lena Sieß, Senatorin

    Tobias Löffler, Senator ab Oktober 2022

    Jeremias Schulze, Senator ab Oktober 2022

    Anna Biederer, Mitglied Fakultätsrat Philosophische Fakultät 2022

    Valerie Weber, Stellv. Fakultätsratsmitglied Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät

    Gruppen

    Fachschaftenvollversammlung Tübingen

    Juso Hochschulgruppe Tübingen

    Grüne Hochschulgruppe Tübingen

    [‘solid].SDS Tübingen

    Mittelbauvertretung des Instituts für Politikwissenschaft

    Les Amis du TübAix (Studierenden- und Alumni-Verein des deutsch-französischen Studiengangs TübAix, Association des étudiants et alumni du cursus intégré franco-allemand TübAix)

    Amnesty International Hochschulgruppe Tübingen

    Jusos Tübingen

    Grüne Jugend Tübingen

    Jufo Deutsch Israelische Gesellschaft Tübingen

    Fachschaft Psychologie Tübingen

    Fachschaft Politikwissenschaft Tübingen

    Fachschaft Philosophie Tübingen

    Fachschaft Klassische Philologie

    ver.di Ortsverein Tübingen

    Alle Unterzeichner*innen

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  • Who the fuck is Eberhard Karl?

    Ein Herzog des ausgehenden Mittelalters vertreibt die Jüd*innen aus seinem Herrschaftsgebiet und verbietet seinen Untertan*innen, sie jemals wieder ansiedeln zu lassen. Knapp drei Jahrhunderte später vermietet ein Absolutist arme Untertanen an andere Länder und Unternehmen als Soldaten, die in Kolonialkriege verwickelt werden und nur zum kleinen Teil lebendig zurückkehren – ein Kritiker an dieser Praxis wird für 10 Jahre eingesperrt. Was die beiden Monarchen miteinander zu tun haben? Beide werden heute im Namen unserer Universität – der Eberhard Karls Universität Tübingen – geehrt.

    Wer die beiden waren, warum dieser Name gerade heiß diskutiert wird und wie die Verfasste Studierendenschaft dazu steht – das alles und mehr erfährst du hier.

    Worum dreht sich die derzeitige Diskussion in der Universität und der Stadt?

    Es geht um die Frage nach dem Namen der Universität Tübingen. Bisher heißt sie „Eberhard Karls Universität“ nach ihrem Gründer Herzog Eberhard I. im Bart und dem späteren württembergischen Herzog Karl Eugen. Manche Gruppen wie wir, die Verfasste Studierendenschaft (https://www.stura-tuebingen.de/termin/digitale-stura-sitzung-am-06-07-2020/), und die Jüdische Studierendenunion Deutschland (https://www.facebook.com/JSUDeutschland/posts/pfbid0j9RYTN67cQaT6FiTXV9ytse6krDoC1ka8mJjzWkxeFrtCYJc6Z9VdEjaB3BVPqKKl) fordern, die beiden Monarchen aus dem Namen zu streichen und die Universität einfach „Universität Tübingen“ zu nennen – die Gründe findest du hier. 

    Ist diese Forderung neu?

    Die erste – uns bekannte – Forderung nach einem anderen Namen kam 1977 nach dem Tod Ernst Blochs auf. Die Studierendenschaft forderte damals und noch viele Jahrzehnte später die Umbenennung der Tübinger Universität in „Ernst-Bloch-Universität“. Damals ging es aber nicht – im Unterschied zu heute – primär um die Kritik an Eberhard und Karl, sondern um eine Ehrung des Philosophen Bloch. Außerdem steht in der jetzigen Debatte eine Benennung nach einer anderen Person gar nicht im Raum, sondern lediglich die Streichung des Namensteils „Eberhard Karls“.

    Wie kam es zu der aktuellen Debatte?

    Im Juli 2020 beschloss die Verfasste Studierendenschaft, sich für die Streichung des Namensteils „Eberhard Karls“ und für einen demokratischen Namensfindungsprozess einzusetzen (https://www.stura-tuebingen.de/termin/digitale-stura-sitzung-am-06-07-2020/). Die Forderung wurde damals vom Senat der Universität abgelehnt. Nach öffentlichem Druck, u. a. durch den Antisemitismusbeauftragten des Landes Baden-Württemberg Michael Blume und die Vorsitzende der Jüdischen Studierendenunion Württemberg (JSUW) Hannah Veiler entschied sich das Rektorat dazu, dem Senat vorzuschlagen, eine Kommission mit der Erstellung eines Gutachtens bezüglich der beiden Namensgeber zu beauftragen. Dieses Gutachten ist mittlerweile veröffentlicht und hier (https://uni-tuebingen.de/de/231839) zu finden.

    Wer kann über den Namen entscheiden?

    Der Name der Universität ist in der Universitätsgrundordnung (https://uni-tuebingen.de/de/443) festgelegt. Eine Änderung erfolgt daher durch eine Änderung an dieser Grundordnung, die mit einer 2/3-Mehrheit durch den Senat, das gewählte höchste Gremium der Universität, vorgenommen werden kann. Dort sitzen derzeit 35 Stimmberechtigte (https://uni-tuebingen.de/de/11691), d. h. es müssten mindestens 24 Senator*innen für eine Umbenennung stimmen. Höchstens 11 dürften dagegen stimmen oder sich enthalten.

    Was ist die Position der Verfassten Studierendenschaft?

    Wir als Verfasste Studierendenschaft fordern die Streichung des Namensteils „Eberhard Karls“ zugunsten der Bezeichnung „Universität Tübingen“. Wir finden: Eine demokratische Universität in einer demokratischen Gesellschaft braucht sehr gute Gründe, um Einzelpersonen durch Namensgebung eine dermaßen große Ehre zu erweisen. Diese Gründe sehen wir weder bei Herzog Eberhard I. noch bei Herzog Karl Eugen in ausreichendem Maße, dafür aber sehr viele Gründe gegen eine Benennung nach ihnen (siehe unten für mehr). Nicht zuletzt repräsentieren beide historischen Personen eine Regierungsform, die unserer heutigen – der Demokratie – radikal entgegensteht.

    Fordert ihr einen anderen Namen wie z. B. „Ernst-Bloch-Universität“ oder Ähnliches?

    Nein. Während die Studierendenschaft und viele andere Gruppen in der Vergangenheit diesen Namen gefordert haben – was wir würdigen und respektieren -, hat die Verfasste Studierendenschaft diesmal keine*n neue*n Namensgeber*in vorgeschlagen. Im aktuell angestoßenen Prozess geht es außerdem um die Streichung eines Namensteils, nicht um eine Neubenennung, daher ist die Frage nach einer möglichen Alternative uninteressant und auch politisch nicht machbar.

    Wer war eigentlich dieser „Eberhard Karl“?

    Obwohl es aus dem Namen nicht direkt hervorgeht, ist die Universität Tübingen nicht nach einer, sondern nach zwei Personen benannt. Unter Graf Eberhard V. im Bart (1445-1496, ab 1495 Herzog Eberhard I.) wurde die Universität im Jahr 1477 gegründet, was die Stadtgeschichte unter vielen Aspekten stark beeinflusste – wirtschaftlich, politisch und gesellschaftlich. So profitierten das Umland und die Stadt selbst wirtschaftlich von der Universitätsgründung und gewannen an Relevanz. Zugleich veranlasste Eberhard bei der Gründung aber auch, dass die jüdischen Einwohner*innen der Stadt ihr Wohnrecht verloren; In seinem Testament weitete er dies auf sein gesamtes Herrschaftsgebiet Württemberg aus (siehe unten).

    Der zweite Namensgeber ist Herzog Karl Eugen (1728-1793), der die Universität finanziell unterstützte und ausbaute, sich selbst 1767 zum „rector perpetuus“ – zum ewigen Rektor – ernannte; Zwei Jahre später gab er der Universität den Doppelnamen. Karl Eugen vermietete in seiner Amtszeit als absolutistischer Herrscher aber auch Untertan*innen an andere Länder und Unternehmen, die diese für kolonialistische Kriege benutzten (siehe unten mehr).

    Seit 1769 ist unsere Universität also nach Eberhard und Karl benannt – ohne, dass es seither je eine breite Diskussion über diese Namensgebung gab.

    Warum ist die Universität nach Eberhard benannt?

    Vom Spätmittelalter bis in das 19. Jahrhundert war es im deutschen Raum üblich, Universitäten nach ihren Gründern zu benennen (Kommission 2022, 2-3). Das war für die Herrscher erstens auf einer weltlichen Ebene wichtig, weil eine solche Universitätsgründung mit viel Prestige verbunden war, zweitens auf einer religiösen, denn nicht nur zum – scheinbaren oder tatsächlichen – Wohle des Landes zu handeln galt als fromm, sondern auch die Ausbildung neuer Theologen, die das Christentum predigen und weiterverbreiten sollten. So war auch klar, dass die neue Universität in Tübingen nach Herzog Eberhard I. im Bart benannt würde. Denn auch wenn Eberhards Mutter Mechthild von der Pfalz vermutlich einen starken Einfluss auf die Gründung hatte (Kommission, 5-6) und viele weitere Personen beteiligt und relevant waren, ging die Ehre dafür allein auf ihn als den Monarchen über.

    Und warum ist die Benennung nach ihm für euch ein Problem?

    Im sog. Freiheitsbrief, den Eberhard der Universität bei ihrer Gründung 1477 ausstellte, befahl er der Stadt Tübingen (nach dem Vorbild von Erzherzog Albrecht VI. bei der Gründung der Universität Freiburg) Folgendes: 

    „Wir wöllent ouch und gebieten ernstlichen denen von Tüwingen, das sie kein juden, ouch sust keinen offen wucherer by in, in der stat oder in iren zwingen und bennen laussen wonhafft beliben.“

    Das bedeutet: Alle Jüd*innen, die noch in der Stadt wohnen, müssen sie verlassen. Durchgesetzt wurde das vermutlich einfach dadurch, dass keine neuen Schutzbriefe mehr ausgestellt wurden. Denn Jüd*innen im Württemberg des 15. Jahrhunderts waren darauf angewiesen, dass sie diese Schutzbriefe – eine Art Aufenthaltsgenehmigung – regelmäßig vom Herrscher ausgestellt bekamen. Wenn Eberhard sie nicht mehr ausstellte, erlosch also nach ein paar Jahren die Genehmigung zum Aufenthalt in Tübingen. Das Gutachten nennt dieses Prinzip „schleichende Ausweisung“. Dass das nicht nur ein „Ausrutscher“ von Eberhard war, zeigt eine Verordnung in seinem Testament von 1492. Dort schreibt er: 

    „Item es ist och unnser ordnung und letster will, das furohin unnser erben in unnser herrschaft kainen juden seßhafft wonen noch dehain gewerb tryben lassen.“

    Diese Formulierung wiederum findet sich auch bei seinem Onkel, Pfalzgraf Friedrich dem Siegreichen. Hier wird festgelegt, dass „furohin“, also in Zukunft, Jüd*innen weder wohnen noch arbeiten dürfen – in der gesamten Herrschaft Württemberg. Dieser Beschluss war sehr nachhaltig: Über Jahrhunderte hinweg wurden Jüd*innen aus Württemberg ausgeschlossen, in Tübingen konnte sich Leopold Hirsch als erster Jude erst 1855 das Bürgerrecht erstreiten, die Stadt galt im 19. und 20. Jahrhundert als antisemitische Hochburg. Auch das Gutachten stellt fest, dass dieses Testament eine „weitreichende Bedeutung für die von heftiger Judenfeindschaft geprägte Politik Württembergs seit dem ausgehenden 15. Jahrhundert“ hatte.

    Wenn wir heute die Benennung unserer Universität nach Eberhard bestätigen, ehren wir damit aktiv auch diese jüd*innenfeindliche Politik des Herzogs und ihre katastrophalen Auswirkungen für die von der Vertreibung betroffenen Jüd*innen. Aus diesem Grund setzen wir uns dafür ein, dass sein Name aus dem Namen der Universität gestrichen wird.

    Waren damals nicht alle irgendwie antijüdisch eingestellt?

    Das gesamte europäische Hoch- und Spätmittelalter war wie auch die Neuzeit stark von Antijudaismus bzw. Antisemitismus geprägt. Pogrome in deutschen Städten, in der Pestzeit und während der Kreuzzüge, sog. Judenprozesse und Vertreibungen kamen immer wieder vor. Auch in der Kunst finden sich immer wieder antijüdische Darstellungen, im Württemberg unter Eberhard wurden einschlägige Bildnisse beispielsweise in der Tübinger und der Stuttgarter Stiftskirche sowie im Kloster Blaubeuren installiert, wie Stefan Lang (2008) beschreibt. Gleichzeitig gab es aber auch starke regionale Unterschiede – die jüdische Gemeinde in Worms beispielsweise konnte ein bis auf wenige Jahre durchgehendes Bestehen seit dem 11. Jahrhundert bis zum Faschismus zurückblicken, auch Kaiser Friedrich III. hatte in dieser Zeit eine deutlich liberalere Jüd*innenpolitik, ebenso der andere Württemberger Landesteil unter Ulrich V. – und auch Württemberg andere Töne: Johannes Reuchlin (1455-1522) beispielsweise kämpfte gemeinsam mit den sog. Dunkelmännern gegen die Verbrennung jüdischer Schriften und den Glauben an antijüdische Verschwörungstheorien an. 

    So oder so: Eberhard machte als Herrscher konkrete antijüdische Politik, die er direkt an die Universitätsgründung band und die dramatische Auswirkungen auf das Leben der damaligen Jüd*innen hatte. Selbst wenn er damit mehr oder minder im „Geist der Zeit“ handelte, ist dieser „Geist“ nicht mit unserer Universität von heute vereinbar. 

    Übernehmt ihr damit nicht die Deutung z. B. der Nazis, die in Eberhard ein antisemitisches Vorbild sahen?

    Aus dem Jahr 1938 stammt ein kleiner Prachtband (Württembergische Landesbibliothek 1938), in dem Eberhard u. a. wegen seiner „Judenpolitik“ gepriesen wird. Er dient als Legitimationsfigur für den Nationalsozialismus, der sich in Eberhards Tradition sieht. Diese Deutung Eberhards hin auf das „Ziel“ Faschismus ist natürlich grober Unfug, darüber gibt es gar keine Diskussion. Dennoch machen wir es uns zu leicht, wenn wir vor einer Einordnung Eberhards in den antijüdischen Zeitgeist zurückschrecken, aus Angst, faschistischen Autor*innen zuzustimmen. Im Gegenteil: Ihre Deutung ist überhaupt nicht notwendig (und vielen Universitätsangehörigen vermutlich noch unbekannter als seine Biographie selbst), um eine angemessene historische Einordnung vorzunehmen. In seiner Regierungszeit vertrieb Eberhard die Jüd*innen aus Tübingen und sorgte dafür, dass sie nach seinem Tod aus ganz Württemberg vertrieben wurden. Punkt. Dass die Nazis diesen Fakt für sich instrumentalisiert haben und ihn zu einer Kultfigur machten, ändert daran nichts.

    Eberhard hat doch auch viel geleistet, bspw. die Universität gegründet. Sollten wir ihm das nicht anrechnen?

    Ja, Eberhard hat – unter dem Einfluss seiner Mutter und vieler anderer Menschen aus seinem Umfeld – die Universität gegründet. Und er hat diese Gründung direkt mit der Vertreibung der Jüd*innen aus Tübingen verbunden. 

    Und was habt ihr gegen Karl?

    Herzog Karl Eugen (1728-1793) fällt mit seiner Regentschaft ab 1737 (mündig ab 1744) in die End- und Hochphase des Absolutismus. In der „Hohen Carlsschule“ ließ er begabte Kinder wie den jungen Friedrich Schiller gegen ihren Willen und den ihrer Eltern jahrelang einsperren. Schiller durfte in diesen sieben Jahren seine Familie nicht sehen und wurde gezwungen, im Anschluss Jura und Medizin zu studieren. (Müller, Häuser 2007) Der Gründer einer solchen Institution ist schon deshalb fragwürdig als Mitnamensgeber einer heutigen Universität.

    Gravierender ist der Menschenhandel, den er betrieb. Karl Eugen besserte seine Finanzen, die durch die Bauten großer und prächtiger Schlösser belastet waren, u. a. mit dem Verkauf von Soldaten auf. So überließ er ab 1781 gegen Zahlung mit dem sog. Kapregiment 3200 Soldaten der niederländischen Ostindienkompanie, die koloniale Interessen verfolgte. Die Bilanz war katastrophal: 7% der Soldaten überlebten nicht einmal die Überfahrt nach Kapstadt, ein großer Teil der übrigen Soldaten wurde auf Java im indischen Ozean im Stich gelassen. Insgesamt starben 72% aller Mitglieder des Regiments, gerade einmal 100-200 Menschen schafften es zurück nach Württemberg. 

    Als der Dichter Christian Friedrich Daniel Schubart diese Praxis kritisierte und eine zugegebenermaßen nicht gerade nette Kritik an dem Monarchen und seiner Mätresse Franziska von Hohenheim schrieb, wurde er von Karl Eugen für zehn Jahre in Festungshaft auf den Asperg gebracht. Erst nach einer Intervention Preußens und zahlreichen Protesten kam er wieder frei.

    Ein Absolutist, der seine Untertanen verkauft und in kolonialen Unternehmungen kämpfen lässt, der Kritik daran mit Festungshaft und Umerziehung bestraft, der Kinder in Internate sperrt, kann in unseren Augen nicht mit der Namensgebung unserer Universität geehrt werden. 

    Diese von uns an Karl Eugen kritisierten Punkte fallen wohlgemerkt in die zweite Phase seines Lebens, die in der Landeskunde traditionell als seine mildere verstanden wird.

    Aber das war doch normal, schließlich reden wir von der Zeit des Absolutismus!

    Im Absolutismus war es nicht unüblich, dass Herrscher ihre Untertanen als Soldaten an andere Länder verkauften. Bei diesen sog. Subsidienverträgen stand meist ein politisches Interesse im Hintergrund: Ein Herrscher konnte so z. B. einen Verbündeten zusätzlich unterstützen. Bei Karl Eugen ging es jedoch um rein finanzielle Interessen, wie Hans-Martin Maurer (1988) in seinem Artikel über das Kapregiment darlegt.

    Warum ist euch das überhaupt so wichtig? Es geht doch nur um einen Namen und heute weiß eh niemand mehr, auf wen sich der bezieht.

    Beim Namen einer Universität haben wir es mit einer Ehrung zu tun, d. h. mit dem Versuch, Normen und Sinn kollektiv zu setzen (vgl. Reeken, Thießen 2016). Bei einer solchen Ehrung werden die Leistungen, aber auch die Werte der geehrten Person gewürdigt – an dieser Stelle haben sie auch einen gewissen Zukunftsbezug, die Werte werden als nachzuahmend angesehen. 

    Wenn wir heute unsere Universität nach Eberhard und Karl Eugen benennen, nehmen wir eine solche Ehrung vor. In unseren Augen ist das – nach Betrachtung der Kritikpunkte an beiden Personen – auch nach der Zurkenntnisnahme ihrer Leistungen nicht zu rechtfertigen.

    Streicht ihr damit nicht auch die Erinnerung an die beiden Herrscher aus dem öffentlichen Gedächtnis und verhindert damit eine weitere kritische Auseinandersetzung?

    Nein. Mit einer Umbenennung würde die Ehrung Eberhards und Karl Eugens durch den Namen der Universität Tübingen wegfallen. Nicht mehr als das. 

    Damit bleiben sie interessante historische Personen und die Auseinandersetzung mit ihnen bleibt weiter spannend und wichtig. Das ist aber nicht vom Namen der Universität Tübingen abhängig. Im Gegenteil besteht die Chance, dass ihre Geschichte durch die Umbenennung einen neuen Bekanntheitsgrad erlangt – und das ist ja bereits jetzt mit der neuen Debatte der Fall. 

    Darüber hinaus kann und soll die Universität die Beschäftigung mit Eberhard und Karl Eugen – und auch gerne mit anderen für die Universitätsgeschichte relevanten Personen – aktiv gestalten, z. B. in Vortragsreihen, Professuren, Forschungsprojekten etc.

    Stimmt es, dass ihr die Stiftskirche abreißen wollt?

    Wo ist der Vorschlaghammer? (das ist natürlich ironisch gemeint)

    Literatur:

    – Württembergische Landesbibliothek: Graf Eberhard im Bart von Württemberg. Im geistigen und kulturellen Geschehen seiner Zeit, Stuttgart 1938.

    – Kommission zur Überprüfung des Namens der Universität: Gutachten über die historische Dimension des Namens „Eberhard Karls Universität Tübingen“. Drucksache des Senats der Universität Tübingen Nr. 12, 05.05.2022.

    – Lang, Stefan: Die Ausweisung der Juden aus Württemberg 1477-1498. In: Lorenz, Sönke; Schäfer, Volker (Hrsg.): Tubingensia. Impulse zur Stadt- und Universitätsgeschichte. FS für Wilfried Setzler zum 65. Geburtstag, Ostfildern 2008, S. 111-132.

    – Maurer, Hans-Martin: Das Württembergische Kapregiment. Söldner im Dienste früher Kolonialpolitik (1787–1808). In: Zeitschrift für Württembergische Landesgeschichte, 47 (1988), S. 291-307.

    – Müller, Martina M.; Häuser, Iris: 1759-1805. Friedrich Schiller. Menschen aus dem Land: 10/2007. Stuttgart 2007.

    – Reeken, Dietmar von; Thießen, Malte: Ehrregime. Perspektiven, Potenziale und Befunde eines Forschungskonzepts. In: Reeken, Dietmar von; Thießen, Malte (Hrsg.): Ehrregime. Akteure, Praktiken und Medien lokaler Ehrungen in der Moderne, Göttingen 2016, S. 11-29.

    Weitere Literaturempfehlungen:

    – Frey, Winfried: Antijudaismus. In: Kotowski, Elke-Vera u.a. (Hrsg.): Handbuch zur Geschichte der Juden in Europa, Bd. 2, Darmstadt 2001, S. 367-378.

    – Hayoun, Jonathan (Regie): Eine Geschichte des Antisemitismus. Arte F, 2022.

  • Never Again 2021: Vortrag und Diskussion 02.02., 19 Uhr

    Die „ideologiefreie Mitte“ und die Kontinuität des Antikommunismus in der Bundesrepublik Deutschland

    Der AK Politische Bildung organisiert im Rahmen der never again Aktionstage gegen autoritäre und faschistische Tendenzen am 02.02. um 19 Uhr diesen Vortrag.

    Thema

    Was 1945 in Westdeutschland als „Entnazifizierung“ begann, wurde bald zu einem „antitotalitären Konsens“ umgedreht, befördert von den westlichen Besatzungsmächten. Dem „Adenauer-Erlass“ von 1950 – Kommunist*innen und Antifaschist*innen flogen aus dem öffentlichen Dienst – folgte die massenhafte Rückkehr der „131er“, der belasteten alten Nazis. Mit dem KPD-Verbot von 1956 wurden alle, die als Kommunist*innen verdächtigt wurden, kriminalisiert und verfolgt. Erst im Zuge der „neuen Ostpolitik“ Willy Brandts konnten Kommunist*innen wieder legal auftreten. Doch schon 1972 initiierte die SPD den „Radikalenerlass“ der zu Tausenden von Überprüfungsverfahren und Berufsverboten führte, die bisher nur in einzelnen Bundesländern aufgearbeitet wurden. Aktuell zwingen die alten antikommunistischen Denkmuster die VVN-BdA zur Verteidigung ihrer Gemeinnützigkeit. Mit der Gleichsetzung von Links- und Rechtsextremismus wird linke Kritik diffamiert und rechte Gewalt verharmlost.

    Vortrag von Lothar Letsche, Mitglied im geschäftsführenden Landesvorstand der Vereinigung der Verfolgten des Nazifaschismus-Bund der Antifaschist*innen (VVN-BdA)

    Wo?

    Der Vortrag findet online auf Zoom statt über folgenden Link: https://zoom.us/j/93921621229?pwd=SFlhcTFDZ0lVc3VLaTMwRW1zTUJHZz09

    Eine Einwahl per Telefon ist natürlich auch möglich, schreibt uns dafür eine Mail an